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«ICH BIN STOLZ DRAUF»

DOSSIER FREIWILLIG ENGAGIERT - Das gemeinsame Gesicht der Freiwilligenarbeit

Mit dem DOSSIER FREIWILLIG ENGAGIERT wird das unentgeltliche freiwillige und ehrenamtliche Engagement anerkannt und somit sichtbar gemacht. Es sorgt für einen reellen Mehrwert in der Lern- und Arbeitsbiografie von Freiwilligen und nützt auch den Organisation und Vereinen. Dadurch entstehen ein nationales Qualitätslabel und ein Wiedererkennungseffekt, welche den Wert der Freiwilligenarbeit als wichtige Ressource stärken.

Eine wertvolle Unterstützung beim Erarbeiten von Nachweisen ist der neue DOSSIER-Text-Generator von BENEVOL. Er löst die bisherige kirchliche Wegleitung zum Dossier Freiwillig Engagiert ab. Die Inhalte für kirchliche Tätigkeiten wurden gemeinsam mit Fachpersonen der Evang.-ref. und Röm.-Kath. Kirchen überarbeitet. Dank der grosszügigen Unterstützung der RKZ und von Fondia (Stiftung für Gemeindediakonie) können 16 kirchliche Tätigkeiten ab sofort unentgeltlich genutzt werden.

Probieren Sie es aus: www.dossier-freiwillig-engagiert.ch/dossier-generator 



Milizengagement als Wettbewerbsvorteil

Im Gespräch mit Tibère Adler, Direktor des think tanks Avenir Suisse für die Romandie.

Herr Adler, Sie haben im Auftrag von Avenir Suisse ein Buch veröffentlicht, das Massnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Milizengagement in der Schweiz fordert. Warum interessiert sich ein Wirtschaftsverband für dieses Thema?

Das Milizsystem, wie wir es in der Schweiz kennen, besteht im bürgerschaftlichen Engagement in der Gesellschaft, sei es in der Armee, in der Politik, in den Kirchen oder im Vereinsleben. Diese Beteiligung ist in unserem Land sehr ausgeprägt. Es handelt sich um eine Säule unserer nationalen Identität, vergleichbar mit der direkten Demokratie oder mit dem Föderalismus. Dieser Geist der Mitverantwortung für das Ganze verschafft unserem Land eine Art Wettbewerbsvorteil im Vergleich mit anderen. Er stärkt die Identität und eine Form bürgerschaftlicher Gesellschaftsverantwortung, die es zu ermutigen und zu bewahren gilt. Das ist der Grund, weshalb Avenir Suisse sich für das Thema interessiert; denn Avenir Suisse versteht sich als think tank für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten. Unsere Stiftung beschränkt sich nicht auf den Bereich der Wirtschaft.

Avenir Suisse stellt als eine mögliche Massnahme zur Stärkung des Milizsystems die Einführung eines „Bürgerdienstes“ zur Diskussion. Was ist damit gemeint? Könnte man diesen Bürgerdienst auch in Form von Milizengagement in einer der anerkannten Kirchen leisten?

Der Bürgerdienst wäre eine neue Form des Dienstes, geprägt von der Absicht, den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, der für eine Schweiz in guter Verfassung zentral ist. Das Konzept sieht vor, dass alle Mitbewohner – Frauen, Männer, Einheimische oder in der Schweiz wohnhafte Ausländer – einen Teil ihrer Zeit (z.B. 200 Tage in einem bestimmten Zeitraum) für Tätigkeiten einsetzen müssten, die der Gemeinschaft zu Gute kommen. Dieser Bürgerdienst könnte wie bisher in der Armee oder im Zivildienst geleistet werden. Aber es könnten künftig auch andere Aktivitäten wie jene in einer (anerkannten) Kirche oder in einer Gemeindebehörde anerkannt werden.

Anlässlich einer Tagung der RKZ zum Thema haben Sie nicht nur ein Referat gehalten, sondern auch beobachten können, wie Kirchenleute mit das Thema Milizengagement diskutieren. Haben Sie im Vergleich mit der Diskussion in anderen Kreisen, z.B. in der Politik oder in der Wirtschaft, andere Akzente oder Fragestellungen festgestellt?

Was mich erstaunt hat, ist dass die Probleme der rückläufigen Beteiligung im Milizengagement sich für die Kirchen genau gleich stellen wie in den anderen Bereichen, in der Politik oder in den Vereinen. Die Schwierigkeiten sind dieselben: Zeitmangel, Auseinanderfallen von Wohn- und Arbeitsort, Vereinbarkeit mit Beruf und Familie. Der strukturierte, institutionelle und formelle Charakter des Milizengagements stossen zunehmend auf Ablehnung, vornehmlich bei den Jungen. Warum auch soll man sich in einem Vereinsvorstand mit endlosen Sitzungen vor Ort engagieren, während es so einfach ist, eine Facebook-Gruppe ins Leben zu rufen?

Haben Sie Erwartungen an die Kirchen im Zusammenhang mit dem Thema Milizengagement? Was könnte aus Ihrer Sicht deren spezifischer Beitrag zur Stärkung des Milizsystems in der Schweiz sein?

Über ihren Grundauftrag hinaus können die Kirchen das Milizsystem in der Schweiz am Leben und in Bewegung halten. Wenn sie sich nur auf streng religiöse Aktivitäten im innersten Kreis ihrer Mitglieder beschränken, sind sie für Menschen, die sich neu beteiligen möchten, wenig attraktiv. Aber wenn sie sich für das Gemeinwohl einsetzen, profitieren sie von grosser Glaubwürdigkeit und von einem Vertrauen in die Ernsthaftigkeit ihres Engagements, womit sie viel bewegen können. Das ist kein Widerspruch. Je praktischer und konkreter das Milizengagement, desto zahlreicher jene, die sich beteiligen – und umso mehr blüht das Engagement und entfaltet Wirkung.

Wenn Sie den Verantwortlichen drei konkrete Massnahmen zur Förderung des Milizengagements in den Kirchen vorschlagen müssten: Was würden Sie anregen?

Ich würde drei Dinge empfehlen:

  • Projektartiges Vorgehen. Milizengagement, das ein institutionelles Engagement erfordert, ist nicht sehr attraktiv und stellt besondere Anforderungen. Projekte sind zugänglicher. Die Kirchen müssen lernen, zahlreiche Projekte zu entwickeln, sich immer wieder zu erneuern, statt Strukturen zu erhalten, die unveränderbar erscheinen.
  • Formalismus und Bürokratie vermeiden. Selbst gut gemeinte Bürokratie schreckt ab und entmutigt jene, die sich engagieren möchten.
  • Den Beitrag zum Gemeinwohl in den Vordergrund stellen und jeden Eindruck vermeiden, man wolle Menschen beteiligen, um sie zu «missionieren». Glaube ist etwas sehr persönliches. Die Kirchen können mehr bewirken, wenn sie nicht ausschliesslich die praktizierenden Gläubigen in den Blick nehmen.

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Sind kirchlich engagierte Frauen und Männer stärker freiwillig engagiert als Kirchenferne?

Im Gespräch mit Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeits- & Organisationspsychologie der ETH Zürich.

Herr Prof. Wehner, seit vielen Jahren erforschen Sie als Arbeitspsychologe freiwilliges Engagement in unserer Gesellschaft. Wie sind Sie dazu gekommen, diesem Thema so viel Aufmerksamkeit zu schenken?

Ob Arbeitspsychologen, -pädagogen, Industriesoziologen oder ingenieurwissenschaftlich orientierte Arbeitsforscher, alle befassen sich primär mit der Erwerbsarbeit. Diese ist – wie gerecht auch immer – entlohnt und unterscheidet sich damit qualitativ von der unbezahlten Freiwilligenarbeit und auch von der Miliztätigkeit, die – so zumindest die Idee – geringfügig entschädigt wird. Alles was man nun über die Motive, Einstellungen und Gestaltungskriterien für gute Erwerbsarbeit weiss, lässt sich – so unsere Ausgangsthese, die wir auch bestätigen konnten – nicht 1:1 auf die Freiwilligenarbeit übertragen. Um also unbezahlte Arbeit ebenfalls bewerten und gut gestalten zu können, um Freiwillige zu rekrutieren, gut zu begleiten und zu unterstützen etc., muss man die Motive hierfür auch gesondert untersuchen.

In Diskussionen um die Bedeutung der Kirchen für die Gesellschaft und um ihre staatliche Förderung, betonen diese regelmässig den hohen Stellenwert der Freiwilligenarbeit. Sind kirchlich engagierte Frauen und Männer stärker freiwillig engagiert als Kirchenferne?

Freiwilligenarbeit ist in erster Linie Ausdruck persönlicher Werte. Das gilt für alle und nicht nur für jene, die religiös orientiert oder in den verschiedenen kirchlichen Einrichtungen eingebunden sind. Bei den Beweggründen zur Freiwilligenarbeit spielt der Glaube deshalb auch keine ausschlaggebende Rolle: Spass an der Tätigkeit, gemeinsam etwas bewegen und helfen wollen belegen weltweit die ersten Plätze. Bei den Engagementbereichen liegen Religionsgemeinschaften und kirchliche Einrichtungen in den meisten Freiwilligensurveys zwar vor Kultur und Freizeitbereichen, aber immer hinter (Vereins-)Sport und Bewegung und haben z.Zt., wie die meisten Engagementbereiche, auch mit leicht rückläufigem Zulauf zu tun. Was hervorzuheben ist, ist die Tatsache, dass kirchliche Organisationen, gegenüber vielen anderen Bereichen sehr intergenerational sind: alt und jung, finden hier besonders gut zusammen.

Vor einigen Jahren haben Sie das Milizengagement von reformierten Kirchenpflegerinnen und Kirchenpflegern im Kanton Zürich untersucht. Welches waren die spannendsten Ergebnisse?

Da der Vogelflug über die Alpen besser untersucht ist, als das Schweizer Milizsystem, sind fast alle Ergebnisse spannend. Hervorheben lässt sich jedoch, dass die Freiwilligen in der Kirchenpflege sehr zufrieden sind, dass sie ihre Tätigkeit (stärker als in der Schulpflege) im Kontrast zur Erwerbsarbeit erleben und auch die Entschädigung für „angemessen“ halten; dies wiederum stärker als Schulpflegerinnen und Freiwillige in der politischen Gemeindearbeit. Gleich wie in der klassischen Freiwilligenarbeit suchen die Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger weder einen Berufsausgleich noch Kompetenzerwerb für den Beruf; auch ein etwaiger Zuverdienst steht an letzter Stelle der Beweggründe. Was dieser Personenkreis will ist: Einfluss nehmen, etwas bewirken und sich nützlich machen.

Wenn Sie den Verantwortlichen drei konkrete Massnahmen zur Förderung des Milizengagements in den Kirchen vorschlagen müssten: Was würden Sie anregen?

Es ist sicher anregend, sich mit den momentanen Fallstricken der Freiwilligenarbeit und insbesondere mit der Miliztätigkeit auseinanderzusetzen und dann für die jeweils eigene Institution ein angemessenes Vorgehen zu wählen. Die Stolpersteine liegen für die Zivilgesellschaft und für das Individuum 

  • in der Abwertung des Laienwissens und in der Überhöhung professionellen Wissens,
  • in der Managementisierung und Verbürokratisierung der freiwilligen Engagementbereiche und
  • im Fehlen einer phantasievollen Anerkennungs- und Beteiligungskultur für potenzielle Freiwillige: Das Reservoir potenziell freiwilliger nämlich ist innerhalb der Gesellschaft noch lange nicht ausgeschöpft.

Literaturhinweis: Wehner, T. & Güntert, S. (Hrsg.); 2015; Psychologie der Freiwilligenarbeit; Springer Verlag; Berlin.

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Welchen Gestaltungsspielraum können Milizbehörden in der katholischen Kirche nutzen?

Interview mit Urs Brosi, Kirchenrechtler und Generalsekretär der Katholischen Landeskirche des Kantons Thurgau.

Unter dem Titel „Milizengagement – Auslauf- oder Zukunftsmodell“ fand am 14. Dezember 2015 in Zürich eine gut besuchte Tagung statt. Urs Brosi, Kirchenrechtler und Generalsekretär der Thurgauer Landeskirche, führte an der Tagung einen Workshop zum Thema „Mitentscheidungsrechte“. Im nachfolgenden Interview zeigt Urs Brosi auf, was hauptamtliche Fachpersonen und Milizbehörden seines Erachtens tun müssen, damit das Milizengagement ein Zukunftsmodell bleibt.

Herr Brosi, der von ihnen geleitete Workshop zum Thema „Mitentscheidungsrechte“ stiess bei besonders vielen Tagungsteilnehmenden auf Interesse. Wie erklären Sie sich das?
Wer sich in einer Behörde ehrenamtlich engagiert, will Verantwortung übernehmen und braucht einen Gestaltungsfreiraum. Sonst ist das Ehrenamt uninteressant. In der katholischen Kirche ist die rechtliche Stellung von Räten aber zwiespältig. Die Pfarreiräte haben gemäss Kirchenrecht nur beratende Funktion und hängen damit stark vom jeweiligen Pfarrer ab. Die Kirchgemeinderäte haben nach Staatskirchenrecht zwar Entscheidungsbefugnis, müssen jedoch die pastorale Zuständigkeit des Bischofs und des Pfarrers respektieren. Wo liegt also der konkrete Gestaltungsspielraum?

Im Abschlussplenum wurde gesagt, es sei sehr hilfreich gewesen, eine umfassende Erklärung zum Thema zu erhalten. Was war die zentrale Botschaft, die Sie vermittelt haben?
Das Verhältnis eines demokratischen Rates zum hierarchischen Leitungsamt in der Kirche darf nicht in einem Alles oder Nichts bestehen: Alleinentscheidung oder völlige Abhängigkeit. Es ist sinnvoll, differenzierte Mitwirkungsrechte zu vereinbaren. Mitwirkungsrechte sind insbesondere das Anhörungsrecht und das Zustimmungsrecht. Je nach Aufgabe kann also der Kirchgemeinderat dem Pfarrer in finanziellen Belangen ein Zustimmungsrecht einräumen. Oder der Pfarrer gewährt dem Pfarreirat in pastoralen Themen zumindest ein Anhörungsrecht. Eine schriftliche Vereinbarung, die diese Rechte regelt, kann helfen, um Klarheit über den eigenen Gestaltungsspielraum zu gewinnen.

In den letzten Jahren gab es zum Teil heftige grundsätzliche und kirchenpolitische Diskussionen um das duale System. Welches sind aus ihrer Sicht die drei wichtigsten Punkte, um Konflikte und Kontroversen zu vermeiden?
Dass die Interessen bisweilen divergieren und es Konflikte gibt, ist normal und fügt der Kirche keinen Schaden zu. Zumindest nicht, solange die Parteien miteinander im Gespräch bleiben. Gerade die unterschiedlichen Kirchenbilder verursachen immer wieder Spannungen. Was dient also, um bei Konflikten im Gespräch zu bleiben? 1) Eine gegenseitige Vertrauensbasis, die durch persönliche Kontakte und gemeinsame Erfahrungen gewachsen ist. 2) Das Beiziehen eines externen Moderators oder Mediators. 3) Die Übung in den klassischen Tugenden der Sanftmut, der Bescheidenheit und der Geduld.

Als Generalsekretär der Thurgauer Landeskirche arbeiten sie ganz konkret und alltäglich mit Milizbehörden zusammen. Was können die Profis und Hauptamtlichen in der Kirche Ihres Erachtens tun, damit das Milizengagement ein Zukunftsmodell bleibt?
Neben dem allgemein steigenden Verwaltungsaufwand sind es besonders die innerkirchlichen Konflikte, der wachsende Strukturanpassungsbedarf (z. B. Errichtung von Pastoralräumen) und der zunehmende Mangel an Seelsorgepersonal, die die Arbeit der Milizbehörden belasten. Da gibt es nicht einfache Rezepte. Grundsätzlich sollten die Profis die Milizbehörden in ihrer Arbeit entlasten, ohne sie zu entmachten. Die Profis können Orientierung geben in einer unübersichtlichen Welt. Sie sollten aus der Überzeugung heraus arbeiten, dass der Profi (hauptamtliche Fachperson) und der Milizler (ehrenamtlicher Laie) sich ergänzen und im Miteinander eine wertvolle Kraft entwickeln.

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Grössere pastorale Räume als Herausforderung für kirchliche Milizbehörden

Interview mit Maria Blittersdorf, Theologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI).

Die Theologin Maria Blittersdorf ist seit 2014 am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts «Neuland» verantwortlich. Dieses Projekt befasst sich u.a. mit der Entwicklung des Zusammenspiels von Hauptamtlichen, Freiwilligen und Milizbehörden in grösseren pastoralen Räumen. Die RKZ bat Frau Blittersdorf deshalb, an ihrer Tagung vom 14. Dezember 2015 zum Thema „Milizengagement – Auslauf- oder Zukunftsmodell?“ einen Workshop unter dem Titel «Fokus Pastoralräume» zu leiten. Im nachfolgenden Interview geht Maria Blittersdorf der Frage nach «Was hilft kirchlichen Milizbehörden ihre Aufgabe in grösser werdenden Pastoralräumen sinnvoll wahrzunehmen?»

Frau Blittersdorf, in Ihrem Projekt befassen Sie sich mit Seelsorgeeinheiten im Bistum St. Gallen. Wo decken sich Ihre Erfahrungen und Eindrücke mit dem, was Sie an der Tagung aus anderen Teilen der Schweiz erfahren haben? Wo stellen Sie Unterschiede fest?

Meine Eindrücke aus dem Bistum St. Gallen wie auch an der Tagung waren, dass es eine hohe Wertschätzung des Engagements von Freiwilligen gibt. Vertreter aus Bistumsleitungen, aus der Seelsorge vor Ort und Wissenschaftler wie z.B. Theo Wehner sprechen sich dafür aus, das Potenzial der Laien zu sehen und ihm Raum zu geben. Bei den beteiligten Freiwilligen selbst habe ich übereinstimmend ein grosses Interesse an der Entwicklung von Kirche wahrgenommen sowie die Bereitschaft und den Wunsch, die Verantwortung dafür miteinander zu tragen. Hier wie dort wird gefragt, in welcher Weise bzw. wofür Professionalität nötig ist, ob Entschädigungen gezahlt werden, ob Quereinstiege von der Freiwilligenarbeit hin zu einer Anstellung möglich sind. Als hilfreich wird erlebt, wenn die Vertreter der beiden Seiten des dualen Systems gut zusammenarbeiten. Grössere Räume und neue Rollen ermöglichen und erfordern mehr Vernetzung.
Unterschiedlich sind je nach Bistum, Kanton und pastoralem Raum die pastoralen Strukturen, manche Bezeichnungen und die Form von Entschädigungen. Z.B. sind im Bistum St. Gallen Seelsorgeeinheiten errichtet worden. Die vom Bischof beauftragten Seelsorgenden tragen hier als Team die Verantwortung. Im Bistum Basel gibt es Pastoralräume mit verschiedenen Leitungsmodellen. Die Bezeichnungen für die angestellten Seelsorgenden variieren, ebenfalls die für die pastoralen und staatskirchenrechtlichen «Milizbehörden». Freiwillige werden zum Teil unterschiedlich entschädigt.

In Diskussionen um die Zukunft des freiwilligen Engagements in der Kirche wird oft nicht klar zwischen Miliz- bzw. Behördenarbeit einerseits, und Freiwilligenarbeit im eigentlichen Sinn unterschieden. Spielt diese Unterscheidung in der Praxis eine Rolle? Oder sind die Übergänge fliessend?
Nach meiner Wahrnehmung spielt diese Unterscheidung in der Praxis der Kirchenverwaltungsräte oder anderer Gremien der Seelsorge keine Rolle. Freiwillig Engagierte bringen hier ihre Fähigkeiten und Ressourcen, z.B. ihr Können und ihre Zeit, zur Bewältigung einer öffentlichen Aufgabe ein. In diesem Sinne bilden sie eine Milizbehörde. Sie verstehen sich jedoch als Freiwillige, nicht als Miliz. Der Name «Milizbehörde» ist mir im kirchlichen Kontext erstmals auf der Tagung begegnet. Eine Rolle spielt die Frage nach finanzieller Entschädigung als eine Form der Anerkennung, wie sie ja bei Milizbehörden meistens üblich ist. Ob, wenn ja, in welcher Höhe und wofür Entschädigungen gezahlt werden, ist dabei sehr verschieden, je nach Finanzkraft und Regelungen vor Ort.

Was die Behördenarbeit in grösseren pastoralen Räumen betrifft, gibt es unterschiedliche Auffassungen: Die einen fordern grössere pastorale Räume und Fusionen, weil man sonst nicht mehr genug Leute für die Ämter findet. Die anderen plädieren für überschaubare Räume, weil die Aufgaben für Milizbehörden sonst zu anspruchsvoll werden. Was ist Ihre Einschätzung?
Grössere pastorale Räume und überschaubare Räume müssen sich nicht widersprechen! Ich plädiere für ein «sowohl-als-auch»: für grössere pastorale Räume, in denen gleichzeitig die lokale Nähe berücksichtigt wird. Nähe zu den Menschen ist eine Voraussetzung, um christliche Gemeinschaft zu fördern. Grössere pastorale Räume bieten die Chance, dass hauptamtlich angestellte Seelsorgende und Freiwillige vernetzt arbeiten und Schwerpunkte setzen können.
Milizbehörden bzw. Freiwillige sind auf beiden Ebenen tätig. Ich habe bei den Freiwilligen in den Räten erlebt, dass sie hoch motiviert sind und aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Ausbildungen viele und vielfältige Kompetenzen mitbringen. Deshalb bin ich überzeugt, dass sich auch zukünftig für den Raum in der Nähe und für den grösseren Raum Leute interessieren und finden, die dort jeweils sehr gut tätig werden können.

Wenn Sie drei Wünsche formulieren müssten, was die RKZ allenfalls auch zusammen mit der SBK tun sollte, um Milizengagement und Freiwilligkeit zu stärken: Wie sähen diese drei Wünsche aus?
Die RKZ hat mit dem Thema der Milizbehörden ein für die Entwicklung von Kirche wesentliches Thema aufgegriffen und Stellung für dieses Engagement bezogen. Ich würde es begrüssen, wenn sie zu dem Thema weitere Anlässe organisieren würde, die dem Dialog zwischen Bistumsleitungen, Wissenschaft, hauptamtlich angestellten Seelsorgenden und Freiwilligen Raum geben. Denn unter den vielfältigen Bedingungen der Schweizer Kirche das Engagement Freiwilliger weiter zu fördern, setzt gegenseitige Kenntnis, Wertschätzung und Dialog voraus: zwischen den beiden Seiten des dualen Systems, zwischen den Bistumsleitungen und den Gremien der Pfarreien und grösseren pastoralen Räume, zwischen Wissenschaft, Theorie und Praxis. Ich halte es für lohnend, im Dialog das Thema weiter zu vertiefen.

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Ist «Kirchliches Milizengagement» in der Romandie ein Fremdwort?

Interview mit Michel Racloz, Delegierter des Bischofsvikars des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg.

Mitte Dezember 2015 veranstaltete die RKZ in Zürich eine Tagung zum Thema „Milizengagement – Zukunfts- oder Auslaufmodell?“. Zu den Referenten aus der Westschweiz gehörte Michel Racloz. Er ist Delegierter des Bischofsvikars des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg. Im nachfolgenden Interview geht Michel Racloz der Frage nach ob «Kirchliches Milizengagement» in der Romandie eine andere Bedeutung hat?

Herr Racloz, nach der Tagung kam eine Frau aus der Romandie auf mich zu und sagte: „In der Romandie ist der Begriff Miliz für das Engagement in kirchlichen Gremien völlig ungebräuchlich. Trotzdem war die Tagung interessant.“ Was meinen Sie zu dieser Feststellung?
Vielleicht handelt es sich um eine Frage der Begrifflichkeit und des Zugangs. In der Westschweiz sprechen wir von Pfarreiräten oder von Mitgliedern kantonalkirchlicher Gremien und legen den Akzent auf die Freiwilligkeit ihres Engagements. Wie andere Getaufte, bringen sie ihre Kompetenzen und Erfahrungen ein, zum Beispiel in den Bereichen Verwaltung, Finanzen, Immobilien oder Kontakt mit den Gemeinden im Dienst am kirchlichen Leben. Meines Wissens, wird die Parallele mit dem politischen Milizsystem, der Armee oder den Schulbehörden in der Westschweiz nur selten gezogen. Diese Form der Freiwilligkeit in Pfarrei-Vereinen oder auf kantonaler Ebene ist anspruchsvoll, weil sie mit Verantwortung verbunden ist und ein langfristiges Engagement erfordert. Die Herausforderung, die Gremien besetzen zu können, besteht auch in der Romandie.

An Ihrem Workshop nahmen Personen aus beiden Sprachregionen teil: Deutschschweizer und Romands. Haben Sie sprachregionale Unterschiede bezüglich ihrer Art festgestellt, sich in der Kirche zu engagieren?
Die Frage ist heikel und komplex. Ich habe den Eindruck, es besteht zwischen den beiden Sprachregionen eine kulturelle Differenz in den Beziehungen unter den Behördenmitgliedern und der bischöfliche Autorität. In der Deutschschweiz tritt jeder für seine Stellung ein, die Beziehungen sind direkter und man scheut die Auseinandersetzung weniger. Vielleicht sind die Ansprüche der Laien in der Deutschschweiz höher. In der Westschweiz streben wir eher nach Konsens und Kompromiss, die gemeinsame Zugehörigkeit zur Kirche unabhängig von der jeweiligen Rolle und Zuständigkeit hat den Vorrang. Die Differenzen zwischen den Grössen der Bistümer, dem Zustand und der pastoralen Kräfte, das Profil und die Rolle der Laien im pastoralen Dienst können ebenfalls dazu beitragen, dass die Situationen unterschiedlich sind.

In der Deutschschweiz gibt es einen gewissen Trend, Milizbehörden finanziell besser zu entschädigen. Damit soll den gewachsenen Ansprüchen Rechnung getragen werden. Und es sollen auch Personen Ämter übernehmen können, die darauf angewiesen sind, etwas Geld zu verdienen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Gibt es in der Romandie einen ähnlichen Trend?
Ich habe keine Kenntnis von Entschädigungen für das Engagement auf Pfarrei- bzw. Gemeindeebene. Es gibt Zeichen der Anerkennung wie für andere Freiwillige in der Katechese, in der Liturgie oder in der Diakonie. Gelegentlich werden gewisse Kosten übernommen, aber das ist stark von der Finanzlage der Pfarreien und davon abhängig, was als sinnvoll und angemessen erachtet wird.
Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Getaufte dazu berufen ist, am Leben der Kirche teilzunehmen und die Freundschaft Gottes für die Frauen und Männer in seinem Umfeld zu bezeugen. Jeder Dienst in der Kirche ist wichtig und ich finde es heikel, gewisse dieser Dienste zu entschädigen oder dies in Zukunft verstärkt zu tun. Ich denke die Menschen lassen sich bei ihrem freiwilligen Engagement von anderen Beweggründen leiten als vom Geld. Allerdings ist es entscheidend, dass der Mangel an finanziellen Mitteln kein Hinderungsgrund für kirchliches Engagement wird. Deshalb plädiere ich eher dafür, das Verhältnis zur Arbeit in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Wir könnten Genossenschaften oder Vereinigungen für nachhaltige Entwicklung schaffen, die es verletzlichen oder armutsgefährdeten Personen ermöglichen, einen Platz in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt zu finden, ihre Fähigkeiten einzubringen und ein Einkommen oder einen ergänzenden Verdienst zu erzielen

Das Problem des sogenannten „dualen Systems“ wird oft als „typisch deutschschweizerisch“ dargestellt. Aber de facto gibt es z.B. auch in der Waadt, wo sie tätig sind, das Nebeneinander zweier Strukturen. Was sind Ihre Empfehlungen für eine gute Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Milizbehörden?
Ihre Frage geht weit und ist wichtig. Ich glaube, wir müssen zuerst die tiefen gesellschaftlichen Veränderungen besser verstehen und uns zugleich von den Intuitionen, Initiativen und Optionen von Papst Franziskus leiten lassen. Kurz: Es geht darum, uns zu dezentrieren und gemeinsam auf die zentralen Aufgaben und Aktivitäten der Kirche in der Welt von heute zu schauen, die wir gemeinsam mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften wahrnehmen müssen.
Wir müssen uns stärker der Vielfalt unserer Kulturen, Herkunft, Lebensgeschichten und beruflichen Entwicklungen bewusst werden. Jeder Lebensbereich hat seine Logik, seine Werte und seine Kriterien, sei es das Management im Finanzbereich oder das Leben in einem Seelsorgeteam. Es geht darum, Sprache und Verständnis zu finden für diese unterschiedlichen Welten und im Licht des Evangeliums gemeinsam zu unterscheiden, was für die Einzelnen und das Zusammenleben gut und gesund ist. Ich wünsche mir eine Dynamik des Lernens, der interdisziplinären Zusammenarbeit und einer vertieften Kultur des Dialogs.
Eine der zentralen Herausforderungen ist die Qualität der Kommunikation und des Informationsaustausches zwischen den verschiedenen Akteuren. Es braucht die Bereitschaft, zwischen den verschiedenen Weltbildern «Übersetzungsarbeit» zu leisten, und ein Streben nach gegenseitigem Verständnis. Eine gesunde Zusammenarbeit erfordert auch, dass jede und jeder in seiner Stellung, seinen Besonderheiten und seinen Fähigkeiten anerkannt wird. Zudem gilt es zu beachten, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen in der Entwicklung gibt.
Ich nehme wahr, dass noch erhebliche Spannungen bestehen. Umzusetzen, was ich beschreibe, benötigt viel Zeit und nachhaltiges Engagement. Allerdings leben wir in einer Zeit, die sehr stark auf das Unmittelbare und das Schnelle ausgerichtet ist. In der Nachfolge Jesu sind meines Erachtens Zeiten des Abstand-Nehmens, des Austausches und des gemeinsamen Rückzugs unerlässlich. Ich bin überzeugt, dass es fruchtbar ist, in solche Qualitäten des Miteinanders zu investieren.

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Freiwilligenarbeit nach wie vor hoch im Kurs

Der Freiwilligenmonitor ist die fundierte Quelle für Informationen über die Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Der Monitor vermittelt aktuelle Zahlen über das Engagement der Zivilgesellschaft und erlaubt Aussagen über künftige Trends.

Am 19. Februar 2016 präsentierte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft den «Freiwilligen-Monitor 2016». Zum dritten Mal innert 10 Jahren wurde das freiwillige Engagement der Schweizer Bevölkerung systematisch erhoben und ausgewertet. Zwar ist die «formelle», d.h. die Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen leicht rückläufig, aber nach wie vor auf hohem Niveau. Die «informelle» Freiwilligenarbeit hat seit 2010 sogar zugenommen. Sie wird hauptsächlich in Form von persönlicher Hilfe- und Betreuungsleistung erbracht.

Speziell richtet der Freiwilligen-Monitor sein Augenmerk auf Freiwilligkeit im Internet, auf das Engagement junger Erwachsener und auf das Verhältnis von Migration und freiwilligem Engagement.

Zum Zusammenhang zwischen Freiwilligkeit und Konfessionszugehörigkeit belegt der Monitor, dass es beträchtliche Unterschiede im formellen freiwilligen Engagement gibt: Protestantische und (etwas weniger) katholische Personen leisten mehr formelle Freiwilligenarbeit als Konfessionslose. Im Bereich des informellen freiwilligen Engagements sind die Unterschiede geringer.

Zusammenfassung Freiwiligen-Monitor 2016

Weitere Informationen zum Freiwilligenmonitor finden Sie hier

Markus Freitag et al.; Freiwilligen-Monitor Schweiz 2016; Zürich 2016 (Seismo-Verlag)



Milizengagement – eine Ressource für die Akteure, die Kirchen und die Gesellschaft

«Milizengagement – Auslauf- oder Zukunftsmodell?» lautete die provokative Frage, mit der sich an einer RKZ-Tagung rund 70 Personen befassten. Nachfolgend die Zusammenfassung der Tagungsergebnisse.

Neben der direkten Demokratie und dem Föderalismus sei der «Esprit de milice» die dritte Säule, welche die politische Identität der Schweiz trägt, hielt Tibère Adler, Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse in der Romandie fest. Und schon im Rahmen ihrer Begrüssung hatte Susana Garcia, Vizepräsidentin der RKZ, den Tagungsteilnehmenden vorgerechnet, dass allein in der katholischen Kirche vermutlich rund 9‘000 Personen ein Milizamt wahrnehmen. Der Gesellschaft und den Kirchen kann es daher nicht egal sein, wenn dieser Pfeiler unserer nationalen Identität bröckelt.

Vielerorts wird nach neuen Lösungen gesucht – oft sind diese zwiespältig

Es erstaunt daher nicht, dass an vielen Orten in der schweizerischen Zivilgesellschaft darüber nachgedacht wird, welches die Gründe für das abnehmende Milizengagement sind und wie seine Zukunft gesichert werden kann. Viele der vorgeschlagenen Lösungen sind allerdings zwiespältig:

  • Schränkt man die Aufgabe von Milizbehörden ein, werden sie marginalisiert und drohen zur Folklore zu werden – ist die   Aufgabe umfassend, drohen Überlastung und Überforderung.
  • Erhöht man die Entschädigungen, leidet die Glaubwürdigkeit und werden falsche Anreize geschaffen – bleibt sie tief, können sich Frauen und Männer, die auf ein Einkommen angewiesen sind, den erheblichen Zusatzaufwand nicht leisten.

Ähnliche Dilemmata bestehen bei den Themen Professionalisierung, Zeitaufwand etc. Als Ausweg stellt Avenir Suisse einen Bürgerdienst für alle (als Ausweitung der militärischen Dienstpflicht für Männer) und die Einführung des passiven Wahlrechts für Ausländer auf Gemeindeebene zur Diskussion, kombiniert mit vermehrter Anerkennung des Engagements durch Bildungsangebote und Nachweise des Engagements und der erworbenen Kompetenzen.

Milizengagement stiftet Sinn –falsche Professionalisierung und Bürokratisierung schaden

Einen anderen Blick auf das Milizengagement eröffnete der zweite Referent. Theo Wehner, emeritierter Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, erbrachte den Nachweis, dass Miliztätigkeit die Lebenszufriedenheit erhöht. Wer sich im Milizsystem engagiert, erfährt und stiftet Sinn: durch Teilhabe und Teilnahme an sozialen Innovationen, durch die Erfahrung von Übereinstimmung zwischen eigenen Werten und der ausgeübten Tätigkeit, durch die Erfahrung von Zugehörigkeit und Wertschätzung. Gefährdet sei die Erfahrung von Miliztätigkeit als Sinnressource durch folgende Fallstricke: Abwertung des Laienwissens und Überhöhung von Professionalisierungsbemühungen, Managementisierung und Verbürokratisierung des Ehrenamtes, Fehlen einer phantasievollen Anerkennungs- und Beteiligungskultur.

Workshops zu kirchenspezifischen Einzelthemen

Die nachmittäglichen Workshops waren vor diesem Hintergrund auf folgende Fragen fokussiert:

  • Wie kann das Milizsystem generell und auch in den Kirchen durch veränderte Rahmenbedigungen gestärkt werden? 
  • Dienen Entschädigungsmodelle dem kirchlichen Milizsystem und seiner Glaubwürdigkeit?
  • Was stärkt die Motivation zum Engagement im kirchlichen Milizsystem?
  • Was fördert eine gute Zusammenarbeit zwischen Milizbehörden und Hauptamtlichen?
  • Welchen Gestaltungsspielraum können Milizbehörden in der katholischen Kirche nutzen?
  • Was hilft kirchlichen Milizbehörden ihre Aufgabe in grösser werdenden Pastoralräumen sinnvoll wahrzunehmen?

Die Inputs von Fachleuten, der Dialog zwischen «Profis» und «Milizlern», der Blick über die Kantons- und Sprachgrenzen sowie der Erfahrungs- und Gedankenaustausch erwiesen sich für sehr viele Teilnehmende als Ermutigung für ihr persönliches Engagement, aber auch für eine Stärkung des Milizsystems. In der Schlussdiskussion waren folgende Stichworte wiederholt zu hören:

  • «Einsatz für gute Rahmenbedingungen», 
  • «Schaffung echter Beteiligungsmöglichkeiten», 
  • «Anerkennung der vielfältigen Kompetenzen der Mitglieder von Milizbehörden», 
  • «Dialog innerhalb des dualen Systems».

Welchen Beitrag die RKZ über die Tagung hinaus leisten kann, wird noch zu klären sein. Ganz sicher werde man sich jedoch vor bürokratischen Massnahmen hüten, hielt RKZ-Generalsekretär Daniel Kosch in seinem Schlussvotum fest.

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Freiwilligenarbeit

Neue Publikation des BFS «Freiwilliges Engagement in der Schweiz 2013/2014»

Das Ausmass der Freiwilligenarbeit in der Schweiz ist beachtlich: Rund 1,4 Millionen Personen führen eine unbezahlte Tätigkeit im Rahmen von Organisationen oder Institutionen aus und 1,3 Millionen übernehmen informelle unbezahlte Tätigkeiten wie Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung, Dienstleistungen oder Pflegeaufgaben für Verwandte und Bekannte, die nicht im eigenen Haushalt leben. Die freiwillig aktiven Personen investieren rund einen halben Arbeitstag pro Woche für dieses Engagement. Das ergibt für das Jahr 2013 ein geschätztes Gesamtvolumen von 665 Millionen Stunden.

Das aktuelle Leporello «Freiwilliges Engagement in der Schweiz 2013/2014» präsentiert neben Eckdaten zur Beteiligung an institutionalisierter und informeller Freiwilligenarbeit der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren, weiterführende Informationen zu Motivation und Rekrutierungspotential sowie zu Spenden. Die Publikation wurde vom Bundesamt für Statistik in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft realisiert.



Milizengagement, Freiwilligkeit und soziales Kapital

Neue Publikationen

«Milizpolitik zwischen Mythos und Moderne» lautet der Untertitel einer Studie, die der wirtschaftsnahe think tank Avenir Suisse veröffentlicht hat. Sie geht aus vom Befund, dass das Milizsystem zunehmend unter Druck gerät und stellt Möglichkeiten für eine Neubelebung des Milizsystems zur Diskussion.
Andreas Müller (Hg.), Bürgerstaat und Staatsbürger, Verlag NZZ 2015, 214 Seiten.


Um «Sozialen Kitt und Vitamin B» geht es in der Analyse des «sozialen Kapitals» in der Schweiz, welche der Politologe Markus Freitag vorlegt. Er befasst sich mit «Netzwerken», aber auch mit «Vertrauen, Reziprozität und Toleranz» als Formen sozialen Kapitals. Das freiwillige Engagement bezeichnet die Untersuchung als «un-bezahlt, aber unbezahlbar». Am Ende des Buches steht eine Liste mit 150 Ideen zur Förderung des Sozialkapi-tals. Sie zeigt auf, dass die Möglichkeiten dafür fast grenzenlos sind. Sie beginnen mit «An der Gemeindeversammlung teilnehmen» und gehen über «eine Grillparty für die ganze Nachbarschaft schmeissen» bis hin zu «In der Adventszeit Kerzen ziehen gehen».
Markus Freitag, Das soziale Kapital der Schweiz, Verlag NZZ 2014, 352 Seiten.


Mit angewandter Psychologie wollen der Arbeitspsychologe Theo Wehner und seine Mitarbeitenden «Freiwilli-genarbeit, Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement verstehen und gestalten». Für das Thema «Milizenga-gement» besonders hilfreich ist ein tabellarischer Vergleich zwischen Freiwilligentätigkeit, Miliztätigkeit und Erwerbsarbeit. Freiwilligkeit wird darin als «Tätigsein jenseits von Erwerbsarbeit» umschrieben, Milizarbeit als «Tätigsein jenseits von Erwerbsarbeit, aber mit Orientierung an Effizienz, Output und Leistung». Was die erfor-derlichen Voraussetzungen erfüllt, wird auf die Entwicklung «vom Laienstatus hin zur Professionalisierung» hingewiesen.
Theo Wehner/Stefan T. Güntert, Psychologie der Freiwilligenarbeit. Motivation, Gestaltung und Organisation, Springer-Verlag 2015, 291 Seiten.


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Parlamentsdienste 3003 Bern

«Bürgerstaat und Staatsbürger – Milizpolitik zwischen Mythos und Moderne»

Das neue Buch von Avenir Suisse beleuchtet das politische Milizsystem in seiner gesamten Breite und befürwortet die Einführung eines Bürgerdienstes.

In kirchlichen Kreisen ist immer wieder betont worden, dass das Leben von Menschen nicht nur aus Arbeitszeit und Freizeit bestehen kann, sondern auch «Sozialzeit» benötigt – für die Familie, für das Zusammenleben in der Gemeinschaft und Gesellschaft, für das Gemeinwohl.

Eine mögliche - aber zweifellos weder die einzige noch eine unbestrittene - Form, dieses Postulat zu konkretisieren, ist der Vorschlag von Avenir Suisse, die Einführung eines allgemeinen Bürgerdienstes für Männer, Frauen und niedergelassene Ausländer zu prüfen, der wahlweise im Militär oder in zivilen Tätigkeiten absolviert würde. Das neue Buch von Avenir Suisse «Bürgerstaat und Staatsbürger – Milizpolitik zwischen Mythos und Moderne» beleuchtet  das politische Milizsystem in seiner gesamten Breite, von den Gemeinden über die Kantone bis zum Bund, und lanciert die Idee, das Milizsystem mit einem «Bürgerdienst für alle» neu zu beleben.

Anlass zu solchen Überlegungen ist die fortschreitende Erosion der Milizkultur unseres Landes. Während im nationalen Parlament immer mehr Vollzeitpolitiker sitzen, haben die (Kirch-)Gemeinden Mühe, Kandidaten für lokale Ämter zu finden. Dem Staat  fallen aus diesem Grund immer mehr Aufgaben zu, welche unpassend besetzte und überforderte Milizbehörden nicht mehr bewältigen können. Zudem hat die Schweiz mit dem Milizsystem eine einzigartige Institution, die Identität stiftet zwischen Bürger und Staat, die Kompromissfähigkeit und Konsens stärkt und die die Bürokratie in Schranken hält.